Julia Del Pino Latorre über nachhaltiges Vorgehen und Plastikreduzierung „Wir brauchen eine echte Transformation“

Julia Del Pino Latorre ist bei der igefa verantwortlich für die nachhaltige Entwicklung. Einer ihrer Schwerpunkte: Das riesige Sortiment des Unternehmens auf den Umwelt-Prüfstand stellen. Das Fachmagazin Cost & Logis sprach mit ihr über Alternativen zu Plastik im Einwegsortiment, über geschlossene Kreisläufe und Recycling, über Wirkung, Kosten und Resonanz in der Hotellerie.

Vorschaubild

Frau Del Pino Latorre, Produkte aus oder mit Plastik sollen bei der igefa weniger Platz einnehmen. Neben einer steigenden Anzahl alternativer Produkte aus nachwachsenden Rohstoffen sollen auch mehr recyclingfähige Artikel zum Einsatz kommen. Was gab den Ausschlag für diese Entscheidung?

Die erschütternden Fakten über den Plastikmüll in den Weltmeeren lassen für uns keinen anderen Schluss zu: Wir müssen Plastikprodukte durch umweltverträgliche Alternativen ersetzen, Mehrweg-Lösungen nutzen oder Kunststoff eben nur dort einsetzen, wo es gute Recyclingbedingungen gibt. Wir haben uns vorgenommen, dieses Thema konsequent anzugehen und durchforsten bereits unser Einwegsortiment entsprechend. Für die Lösungsansätze beziehen wir Kunden, Hersteller und andere Markteilnehmer in unsere Überlegungen mit ein. Zu klären gilt beispielsweise, wie sichergestellt werden kann, dass Produkte aus recyclingfähigem Material am Ende auch tatsächlich im Recycling landen. Diese Kreisläufe sind in Deutschland leider noch relativ intransparent. Studien zufolge sollen in Deutschland nur zehn bis 15 Prozent der anfallenden Kunststoffabfälle als sogenannte Recyclate zurück in den Kreislauf fließen.

Wie ist die bisherige Resonanz aus der Hotellerie?

Unser Kurs wird in der Branche nicht nur überaus positiv aufgenommen, sondern wir erhalten auch zahlreiche Anfragen – sowohl von großen nationalen Hotelgruppen als auch von kleineren regionalen Hotels. Das lässt sich sicher mit einem immer stärker ausgeprägten nachhaltigen Bewusstsein von Hotelgästen erklären, aber auch mit dem neuen Verpackungsgesetz und der EU-Richtlinie zum Verbot beziehungsweise zur Verbrauchsminderung bestimmter Kunststoffprodukte.

Werden Sie Produkte aus Plastik komplett verbannen?

Nein, das halte ich für unrealistisch. Plastik hat besondere Eigenschaften und wird nicht umsonst so oft verwendet. Würden wir versuchen, alles Plastik durch nachwachsende Rohstoffe zu ersetzen, stellt sich die Frage: Wo sollen diese Stoffe alle herkommen? Vielmehr müssen wir den Einsatz alternativer Materialien mit den Möglichkeiten von Recycling-Kreisläufen und Mehrweglösungen geschickt kombinieren.

Welches Ziel haben Sie sich für 2019 gesetzt?

Wir wollen aktiv abbaufähige Alternativen anbieten und auf diese Weise im Vergleich zu 2017 mindestens 100 Tonnen Plastik vermeiden.

Zudem planen wir, in mehr Fachpersonal und Know-how zu investieren, um die vielen tausend Einwegartikel systematisch und zügig hin zu einem umweltschonenderen Sortiment zu entwickeln. Da bestimmte Problemstellungen nicht im Alleingang gelöst werden können, werden wir auch verstärkt den Austausch mit der Verpackungsindustrie, mit Akteuren der Kreislaufwirtschaft sowie staatlichen und kommunalen Behörden suchen. Letztlich ist es unser Anspruch, unseren Kunden mit den genannten Ansätzen die aufwendige Suche nach kaufmännisch vertretbaren rechtskonformen Lösungen abzunehmen. 

Bei welchen Produkten bietet sich ein Ersatz durch andere Materialien sofort an? 

Im Einwegsortiment sind das Produkte wie etwa Rührstäbchen, Besteck, Trinkhalme oder Teller aus Kunststoff. Ich gehe fest davon aus, dass Plastik-Rührstäbchen als erstes aus unserem Sortiment verschwinden werden. Aber auch einige andere Plastik-Artikel werden wir wohl im nächsten Jahr nicht mehr im Sortiment führen. Der Prozess ist ja in vollem Gange. Bei ersten Kunden aus Hotellerie und Gastronomie, Catering und Einzelhandel haben wir schon Kunststoffprodukte durch umweltverträgliche Alternativen ersetzt. In vielen anderen Fällen führen wir bereits aussichtsreiche Gespräche.

Führt der Einsatz von Plastik-Alternativen zu höheren Kosten im Einkauf?

Wahrscheinlich sind einzelne Produkte tatsächlich teurer, ganzheitlich betrachtet gehe ich aber nicht von steigenden Kosten aus. Ohnehin registrieren wir, dass Gastronomen und Hoteliers eine verantwortungsvolle Unternehmensführung zunehmend wichtiger ist als die reine Kostenbetrachtung. Denn nachhaltiges Wirtschaften wirkt sich positiv auf das Image und auf Bewertungen aus. Sowohl Hotelgäste als auch Mitarbeiter registrieren den bewussten Einsatz von nachhaltigen Produkten. Den Menschen in unserer Gesellschaft ist es zunehmend wichtig, verantwortungsvoll zu konsumieren und ihre Arbeitskraft dort einzusetzen, wo nachhaltig gewirtschaftet wird.

 

EU-Richtlinie über das Verbot und die Verbrauchsminderung bestimmter Kunststoff-Einwegprodukte

49 Prozent der Abfälle, die in die Weltmeere gelangen, sind Einwegartikel aus Kunststoff. Zu den Top 10-Artikeln, die an den Stränden am häufigsten gefunden werden, gehören Wattestäbchen, Besteck, Teller, Trinkhalme, Rührstäbchen, Lebensmittelverpackungen, Getränkebecher und -deckel. Deshalb wurde im Oktober 2018 der Vorschlag des Europäischen Parlaments zum Verbot beziehungsweise zur Verbrauchsminderung dieser Artikel angenommen. Die igefa führt schon seit einigen Jahren nachhaltige Alternativen im Einwegsortiment. Inzwischen werden Kunststoffprodukte bewusst gegen die umweltfreundlichen Alternativen ausgetauscht, zum Beispiel gegen Rührstäbchen aus Holz oder Trinkhalme aus Papier, Stroh, Glas oder Bambus. Über 500 nachhaltige Einweg-Produkte stehen bislang bei der igefa zur Auswahl, vornehmlich aus nachwachsenden Rohstoffen und zur Kompostierung geeignete Produkte. Als Ergänzung werden auch Mehrweglösungen angeboten und wo möglich die Implementierung geschlossener Kreisläufe vorangetrieben.

​​​​​​​Agenda 2030

Im September 2015 haben die Vereinten Nationen mit ihren 17 globalen Nachhaltigkeits-Zielen, den Sustainable Development Goals, die sogenannte Agenda 2030 verabschiedet, deren Implementierung bereits im vollen Gange ist. Eines dieser Ziele ist der Schutz des Lebens unter Wasser, das auch durch Plastik-Müll zunehmend bedroht ist.

Das Interview erschien in der Fachzeitschrift Cost & Logis Ausgabe 1 2019.